Boorberg Verlag

Lageorientiertes Führen in komplexen und krisenhaften Situationen

28.06.2017

Braucht das Land neue Verwaltungsformate?

Die baden-württembergische Landesregierung möchte den öffentlichen Dienst modernisieren und setzt dabei insbesondere auf die Einführung neuer Verwaltungsformate. Sie baut dabei auf den Erfahrungen der Vorgängerregierung mit einem lageorientierten Vorgehen bei der Flüchtlingsaufnahme in den Jahren 2014 und 2015 auf. In einem Fachprojekt an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl soll beispielhaft untersucht werden, inwieweit sich Erkenntnisse aus der Bewältigung der „Flüchtlingskrise“ auf andere komplexe und krisenhafte Situationen und ggf. auf „normales“ Verwaltungshandeln übertragen lassen.

Anpassung des öffentlichen Dienstes an die „moderne Arbeitsgesellschaft“

Die 2016 ins Amt gekommene grün-schwarze Landesregierung von Baden – Württemberg hat es sich zum Ziel gesetzt, „den öffentlichen Dienst an die moderne Arbeitsgesellschaft“ anzupassen. Zu Begründung dieser Zielsetzung wird in der Koalitionsvereinbarung vom Mai 2016 unter anderem folgendes ausgeführt:

 „Dazu gehört projektorientiertes, themen- und ressortübergreifendes Handeln anstelle des rein an Zuständigkeiten orientierten Vorgehens. Die zunehmende technische und rechtliche Komplexität – etwa bei Genehmigungsverfahren oder bei unerwarteten Krisenlagen wie der Flüchtlingsaufnahme – erfordern themen- und ressortübergreifendes Handeln und Entscheiden. Zudem brauchen wir neue Verwaltungsformate statt herkömmliches und oft schwerfälliges Arbeiten in Zuständigkeitsbereichen. Diese lageorientierten Verwaltungsformate in allen Verwaltungsbereichen wollen wir ermöglichen und dafür die kommunikativen Kompetenzen und die informationstechnischen Voraussetzungen schaffen.“

Bewältigung der „Flüchtlingskrise im Feuerwehrformat“

Damit knüpft die amtierende Landesregierung an den Erfahrungen der grün-roten Vorgängerregierung mit der Flüchtlingsaufnahme an (Vgl. hierzu u.a. BBW Magazin vom September 2016, S. 11 und vom November 2016, S. 6 ff).

Das Land Baden-Württemberg war in den Jahren 2014 und insbesondere 2015 in einer kurzen Zeit mit einem signifikanten Anstieg an Zugängen von Flüchtlingen konfrontiert. Die für die Erstaufnahme der Flüchtlinge zuständigen Landesbehörden sahen sich einer durchaus als krisenhaft zu bezeichnenden Situation gegenüber (Vgl. zum Begriff der Krise für viele: Trauboth (Hrsg.), Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, professionelle Prävention und Reaktion bei sicherheitsrelevanten Bedrohungen von innen und außen, Stuttgart 2016, u. a. S. 559). Es zeigte sich nämlich schnell, dass es sich um eine Abweichung von der Normalsituation dergestalt handelte, welche die Regelorganisation der Verwaltung überforderte und somit mit den normalen Strukturen allein nicht mehr bewältigt werden konnte. Folglich wurde bereits 2014 hierauf mit einer besonderen Aufbauorganisation (BAO), d.h. dem Aufruf eines ständig tagenden interministeriellen Verwaltungsstabes gemäß der Verwaltungsvorschrift der Ministerien zur Bildung von Stäben bei außergewöhnlichen Ereignissen und Katastrophen (VwV Stabsarbeit) reagiert (Vgl. hierzu Hesse, Polizeireform Baden-Württemberg, Eine Strukturanalyse im Auftrag des Innenministeriums vom 15.11.2015, S. 229 ff.). Aufgrund der enormen Zugangszahlen an Flüchtlingen im Sommer 2015 musste die Organisation nochmals angepasst werden. Mit Beschluss des Ministerrates wurde zur Bewältigung der Lage eine Lenkungsgruppe aus den vier Amtschefs der hauptbetroffenen Ministerien eingesetzt und dieser eine dem Innenministerium zugeordnete Stabsstelle für die operative Umsetzung der Beschlüsse der Lenkungsgruppe zur Seite gestellt. Dieses, am lageorientierten Führen von Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutzorganisationen orientierte Vorgehen, hat sich in der Rückschau als sehr erfolgreich erwiesen (Zum lageorientierten Führen: Berg, Lageorientierte Führung für die zukunftsfähige Verwaltung, in: innovative Verwaltung 9/2016, S. 26 f.).

Erweiterung der Methodenkompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung

Angesichts der weltweiten Entwicklungen ist künftig verstärkt mit der Bewältigung komplexer und krisenhafter Situationen durch Verwaltungseinheiten zu rechnen. Beispielhaft seien terroristische Angriffe, Epidemien, vermehrt Naturkatastrophen und der Ausfall kritischer Infrastrukturen durch Cyber-Angriffe (Vgl. hierzu die Beispiele in Lesch, Kamphausen, Die Menschheit schafft sich ab, Die Erde im Griff des Anthropozän, München 2016 und Trauboth, Die Welt aus den Fugen, Die sechs großen Gefahren für unsere Sicherheit, in: PUBLICUS 2016-10), aber auch Gestaltungslagen wie z.B. Genehmigungsverfahren für Erneuerbare-Energieanlagen bzw. Vorhaben mit Bürgerbeteiligung genannt. Folglich hat die vormalige Landesregierung aus den Erkenntnissen der Flüchtlingsaufnahme die Konsequenz gezogen und im damaligen Innenministerium und jetzigem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration eine neue Abteilung 6 – Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement – eingerichtet (Vgl. hierzu: Dunklau-Fox, Krisenmanagement – schnell und effektiv handeln im Ernstfall, in: IMINTERN Juli/August 2016, S. 10 f.). Seitdem wird auch die Frage diskutiert, ob nicht im Sinne einer Erweiterung der Methodenkompetenz alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung zumindest über die Grundzüge des Prinzips des lageorientierten Führens geschult sein müssten (Vgl. hierzu Berg, a.a.O. und Trauboth 2016, S. 10 und 53 ff.).

Fachprojekt „Lageorientiertes Führen: Verwaltungsführung in komplexen Lagen zwischen Krisen- und Projektmanagement“

Dieser Fragestellung sollen Studierende des 1. bis 3. Semesters  des Bachelor-Studienganges an der Hochschule für öffentlich Verwaltung in Kehl im Studienjahr 2017/2018  im Fachprojekt „Lageorientiertes Führen: Verwaltungsführung in komplexen Lagen zwischen Krisen- und Projektmanagement“ nachgehen (Vgl. zu den Fachprojekten an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl: http://www.hs-kehl.de/studierende/bachelor/module/proseminar-fachprojekt/?sword_list[]=fachprojekte&no_cache=1

Der Untersuchungsauftrag lautet konkret wie folgt: „Wie können Verwaltungen in Krisensituationen von Naturkatastrophen oder terroristischen Anschlägen bis hin zu Genehmigungen von Windenergieanlagen geführt werden? Und wie kann dieses Thema in die Ausbildung des gehobenen Verwaltungsdienstes integriert werden?“

Der Verfasser dieser Abhandlung wird gemeinsam mit dem ehemaligen Generalsekretär der Führungsakademie Baden-Württemberg, Thomas E. Berg, das Fachprojekt als Lehrbeauftragter betreuen.

Das Fachprojekt kooperiert mit der Abteilung 6 des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration, der Führungsakademie  Baden – Württemberg und Einrichtungen der kritischen Infrastruktur. Zu den Kooperationspartnern, insbesondere zu den Führungsräumen beim Lagezentrum der Landesregierung Baden-Württemberg im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration, werden Exkursionen durchgeführt.

Die Führungsakademie beschäftigt sich in unterschiedlicher Weise mit dem Thema. U.a. wurde dem 23. Führungslehrgang der Führungsakademie in diesem Zusammenhang vom Staatsministerium Baden-Württemberg der  Auftrag erteilt, sich mit der Frage der Institutionalisierung einer integrativen Nachhaltigkeitspolitik der gesamten Landesverwaltung zu beschäftigen (Vgl. Newsletter Baden – Württemberg,  Der Tag in BW vom 19.01.2017).

Die gewonnenen Ergebnisse des Fachproprojektes sollen nach Abschluss des Projektes publiziert werden.      

 

 

Autor: Dr. Herbert O. Zinell

Anlass: Fachprojekt „Lageorientiertes Führen"

Angesichts der weltweiten Entwicklungen ist künftig verstärkt mit der Bewältigung komplexer und krisenhafter Situationen durch Verwaltungseinheiten zu rechnen. Beispielhaft seien terroristische Angriffe, Epidemien, vermehrt Naturkatastrophen und der Ausfall kritischer Infrastrukturen durch Cyber-Angriffe genannt. Seitdem wird auch die Frage diskutiert, ob nicht im Sinne einer Erweiterung der Methodenkompetenz alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung zumindest über die Grundzüge des Prinzips des lageorientierten Führens geschult sein müssten.

Sachbereich: B2 Prävention - Organisations- und Führungskonzepte

Schlagwörter: Krisenmanagement, Verwaltung, FH Kehl, Fachprojekt


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