Boorberg Verlag

Hochschulsicherheit – eine professionelle Vorbereitung auf Krisen – Teil 1

18.04.2018

Die Gewährleistung der Sicherheit an Hochschulen rückt immer mehr in den Fokus. Auch der Ort der Wissenschaftsfreiheit bleibt nicht verschont vor kriminellen Handlungen oder krisenhaften Ereignissen. Handelt es sich hierbei um Einzelfälle, die keiner besonderen Beachtung bedürfen, oder ist die Implementierung eines Krisenmanagements erforderlich? Deutschlandweit haben Ereignisse zum Nachdenken geführt. Psychisch kranke Studierende, die AMOK-Taten androhen, sexuelle Übergriffe auf Studentinnen, bewaffnete Lehrkräfte und Suizide zeigen deutlich, dass sich die Hochschulen technisch, organisatorisch und personell vorbereiten sollten.

Insbesondere Hochschulen mit internationalen Aktivitäten müssen zunehmend gegenüber ihren Partnerhochschulen im Ausland darlegen wie sie die Sicherheit der Incomings (Studierende aus dem Ausland in Deutschland) gewährleisten. Die Mobilität der deutschen Studierenden steigt aber auch stetig. Damit verbunden ist das Erfordernis auch für die Sicherheit der Studierenden im Ausland (Outgoings) Sorge zu tragen. Eine Herausforderung für alle Hochschulen.

Problemstellung und Herausforderung

Im Bereich der Schulen gab es, ausgelöst von dem AMOK-Lauf in Erfurt, in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Aktivitäten. Bundesweit wurden Notfallordner erarbeitet, Schulungen durchgeführt und die Polizeien erstellten Objektakten für diese Einrichtungen, um in Notfällen zielgerichtet agieren zu können. Eine Übertragbarkeit auf Hochschulen der bislang vorliegenden Ergebnisse ist jedoch aus vielen Gründen nicht möglich. Zu unterschiedlich sind Struktur, Organisation und Abläufe.

Während Schulen klare Strukturen mit Alarmierungssystemen, Anwesenheitspflicht, Klassenlehrern und Sekretariat an einem überschaubaren Standort aufweisen, so ist dies bei Hochschulen wesentlich anders.

Hochschulen sind in mehrere autonome Verwaltungseinheiten wie Fakultäten oder Fachbereiche strukturiert. Meist werden mehrere Standorte genutzt und die Vorlesungsräume liegen in der Zuständigkeit der jeweiligen Verwaltungseinheiten. Es kann dazu führen, dass in einem Objekt mehrere divergierende Verantwortlichkeiten gegeben sein können. Sprachalarmierungsanlagen stellen eher eine Seltenheiten dar. In erster Linie können ausschließlich Brandalarmierungssignale ausgesendet werden. Bedingt durch eine fehlende Anwesenheitspflicht kann im Fall einer Evakuierung nicht die Anzahl der im Objekt befindlichen Personen und deren erfolgreiches Verbringen aus dem Objekt festgestellt werden. Auch unterscheidet sich sehr stark die soziale Bindung zu den Studierenden und dem Lehrpersonal. Während in Schulen eine enge Bindung besteht und persönliche Veränderung erkennbar und mit den Eltern zu erörtern sind, kann dies bei Studierenden nicht erfolgen. Aufgrund dessen, dass diese in der Regel erwachsen sind und nicht zwingend an den Vorlesungen teilnehmen müssen, ist ein Kontakt mit den Eltern und das Feststellen von Verhaltensänderungen nur bedingt möglich oder sogar rechtlich unzulässig. Außerdem führt die Größe der Fakultäten oder Fachbereiche dazu, dass das persönliche Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden stark eingeschränkt ist. Insofern können Probleme oder verhaltensauffällige Studierende nur sehr schwer rechtzeitig erkannt werden.

Auch wenn diese Aussagen nicht pauschal für alle Hochschulen gelten können, so ist der Umgang mit krisenhaften Ereignissen dem Zufall überlassen. Sachverhalte, die ein Handeln erfordern, werden in erster Linie zufällig festgestellt, da es an einem einheitlichen Melde- und Berichtssystem mangelt. Dies gilt auch für das Abarbeiten dieser Ereignisse. Vielfach ist es von dem Engagement einzelner Hochschulangehöriger abhängig. Es fehlt an strukturierten Handlungsabläufen und Rechtssicherheit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen sich Problemen gegenübergestellt, die sie nicht verlässlich und fachgerecht lösen können.

Gefahren und Risiken

Die Gefahren und Risiken, die für Hochschulen zutreffend sein können, sind unterschiedlichster Natur und auch nicht einzigartig für derartige Einrichtungen. Hierbei kann es sich zum Beispiel um Brände, technische Störungen, Unfälle, Todesfälle, Naturkatastrophen aber auch bewaffnete Gewalttäter handeln. Da die Fallzahlen bezogen auf jede einzelne Hochschule als sehr gering einzustufen sind, stellt sich die Frage nach dem Erfordernis. Treten solche Situation jedoch ein, so sollte jede Hochschule darauf vorbereitet sein, da die Hochschulleitung die Verantwortung für ihre Angehörigen trägt.

In diesem Zusammenhang sollte sich jede Hochschule folgende Grundfragen stellen:

  • Ist die Hochschule auf derartige außergewöhnliche Ereignisse vorbereitet?
  • Hat die Hochschule bestimmte Szenarien durchdacht und somit die Handlungsabläufe und Kommunikationsstrukturen festgelegt?
  • Wie schätzt die Hochschule den eigenen Vorbereitungsgrad ein?
  • Welche Möglichkeiten der Vorbereitung gibt es und wurden diese genutzt?

Sachstand an deutschen Hochschulen

Einige Hochschulen in Deutschland haben dieses Problem erkannt und erste Aktivitäten gezeigt. So haben zum Beispiel die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Lörrach und die Pädagogische Hochschule Heidelberg jeweils ein Krisenmanagementteam installiert, die Universität Tübingen eine Kommission „Gewaltprävention Tübingen“ gegründet und die Universität Rostock ein Sachgebiet „Logistik und Krisenmanagement“ eingerichtet. An der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) hat ein Vizepräsident die Ressortszuständigkeit für Hochschulsicherheit übertragen bekommen und ein Krisenmanagementhandbuch entwickelt, welches es in naher Zukunft zu implementieren gilt. Darüber hinaus existiert in Berlin eine AG Krisenmanagement der Hochschulen, die einen Notfallordner erarbeitet hat und sich regelmäßig über deren Implementierung austauscht. Auch der Bundesverband für Hochschulkommunikation (BVHKom) geht der Frage nach, wie in krisenhaften Situation angemessen zu handeln und zu kommunizieren ist.

 

Hinweis der Redaktion: Der Beitrag wird fortgesetzt.

Autor: Prof. Marcel Kuhlmey

Anlass: Kriminelle Handlungen an Hochschulen

Die Gewährleistung der Sicherheit an Hochschulen rückt immer mehr in den Fokus. Auch der Ort der Wissenschaftsfreiheit bleibt nicht verschont vor kriminellen Handlungen oder krisenhaften Ereignissen. Handelt es sich hierbei um Einzelfälle, die keiner besonderen Beachtung bedürfen, oder ist die Implementierung eines Krisenmanagements erforderlich? Im ersten Teil des Beitrags von Prof. Marcel Kuhlmey werden die Problemstellung und die damit verbundenen Herausforderungen erörtert.

Sachbereich: C1 Krisenmanagement/Gefahrenabwehr - Handeln vor und in der Krise

Schlagwörter: Sicherheit an Hochschulen, Schule, Krisenmanagement, KATWARN

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