Boorberg Verlag

Das Phänomen Vandalismus

23.04.2007

Vandalismus

In Zeiten des schnellen sozioökonomischen Wandels steigt die Gewalt an. Ein Wandel der Wirtschafts- und Sozialstruktur wird von Veränderungen in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen begleitet. Sozialer Wandel verbessert die Lebensbedingungen zahlreicher Menschen, bringt aber auch neue Unzufriedenheit für viele Gruppen. Sie sehen sich in ihren hohen Erwartungen enttäuscht (Frustration) und leiden relativen sozioökonomischen Mangel (Deprivation).

Definition Vandalismus

Man versteht darunter eine vorsätzliche, zerstörerische Handlung, die sinn- und zwecklos, nihilistisch und irrational erscheint oder deren Motiv von der Gesellschaft im Verhältnis zum angerichteten Schaden als trivial und absurd angesehen wird, für den Täter hingegen aber durchaus Sinn haben kann. Es können Menschen angegriffen, körperlich und seelisch verletzt werden. Am häufigsten kommt das Beschädigen und Zerstören von Sachen vor. Vandalismus wird vorwiegend, aber keineswegs ausschließlich von jungen Menschen aller sozialen Schichten verübt.
Vandalismus ist als Bezeichnung für das barbarisch grausame Vernichten alles Schönen und Ehrwürdigen gefühlsmäßig besetzt. Seine stereotypische Benennung als rücksichtslos, unmotiviert, böswillig, mutwillig und heimtückisch bedeutet deshalb, dass man die Motive nicht erkennt oder ihnen mit Abscheu jeden Sinn abspricht. Die Gesellschaft dramatisiert die vandalistische Handlung und verschafft dem Rechtsbrecher die gewünschte Aufmerksamkeit. Verständnislose, aufgeregte soziale Reaktion verstärkt Vandalismus.

Vandalismus als anonymes Delikt

Vandalismus ist wegen der niedrigen Anzeige- und Aufklärungsquoten ein anonymes Delikt, das sowohl in großstädtischen Elendsvierteln wie in wohlhabenden Vorstädten und ländlichen Gebieten verübt wird. Alkoholgenuss verursacht Vandalismus nicht, er kann ihn jedoch häufig auslösen, indem er Hemmungen beseitigt. Der Gruppenprozess der Zerstörung ist ein dynamischer Interaktionsprozess, aus dem sich eine Eigendynamik der Zerstörungslust entwickelt. Parallelen sind auch beim Hooliganismus erkennbar (vgl. Sichrheitsmelder vom 16.4.2007: Phänomen Hooligan [Robert F.J. Harnischmacher]).
In der amorphen Masse seiner Gruppe zelebriert der Täter die Gewalt. Man darf alles, wenn es nur im Interesse des Mobs liegt. Kriminalität wird zum bloßen Spaß. Alle sind vereint und verspüren die geballte Energie. Sie werden zum Teil der Masse, gehen vollkommen in ihr auf und spüren nicht den leisesten Widerstand. Rationales Denken ist blockiert, man spürt keine Angst und Gefahr. Man sehnt sich danach, die angestaute Energie freizusetzen. Eine Masse, die einmal so in Fahrt ist, ist nicht leicht wieder zu zerstreuen.

Historische Entwicklung

Die Bezeichnung Vandalismus, die seit der Französischen Revolution 1789 für das gnaden- und rücksichtslose Zerstören von Sachen, insbesondere von Kunstwerken, und das scheinbar unmotivierte Quälen von Tieren und Angreifen von Menschen verwandt wird, führt man auf die Vandalen, eine ostgermanische Volksgruppe, zurück, die an der unteren Weichsel sesshaft war, im zweiten Jahrhundert jedoch abgedrängt wurde, raubend und mordend in Westeuropa einfiel und 455 n. Chr. Rom geplündert hat. Die Vandalen sind als unbarmherzige Vernichter römischer Kultur in die Geschichte eingegangen.

Erscheinungsformen des Vandalismus

Die Erscheinungsformen des Vandalismus sind vielfältig:
  • In Parkanlagen werden Bäume umgeknickt, Bänke mit Farbspraydosen besprüht, Blumenbeete verwüstet.
  • Auf Friedhöfen werden Grabsteine umgestürzt. Es wird in die Leichenhalle des Friedhofes eingebrochen und die Totenruhe gestört. Schäden auf mehr als 33 Millionen Gräbern in Deutschland belaufen sich auf mehrere Millionen Euro. Es gibt keinen Aufschrei in der Bevölkerung und in den Medien. Neben gewaltsamen Verwüstungen und Graffiti-Sprühereien kommt es zu Schäden, die schnell mehrere tausend Euro betragen können.
  • Kinderspielplätze, Telefonzellen, Verkehrszeichen und Straßenlaternen werden beschädigt.
  • Mit Feuermeldern werden falsche Alarme ausgelöst.
  • Hauswände und Denkmäler werden beschmiert.
  • Von Autobahnbrücken werden Steine auf fahrende Fahrzeuge geworfen.
  • Autoreifen werden zerstochen und Antennen abgebrochen.
  • Unbewohnte oder im Bau befindliche Häuser sind beliebte Angriffsziele für Vandalismus, der sich auch auf schulische Einrichtungen erstreckt.
  • Selbst vor Brandstiftungen schreckt man nicht zurück. Auf Eisenbahnschienen werden Hindernisse, z.B. Felsbrocken, gelegt.
  • Vor, während oder nach Fußballspielen kommt es zu Schlägereien und Verwüstungen mannigfaltiger Art. In Autobussen und Untergrundbahnen werden die Sitzpolster aufgeschlitzt.
  • In Museen besprüht man wertvolle Bilder mit Säuren.
  • Nach einem Einbruch, bei dem der Täter nichts Brauchbares vorfindet, oder nach einem "erfolgreichen" Einbruch, bei dem reiche Beute gemacht wurde, werden Wände beschmutzt, Möbel zerschlagen und Wasserschäden verursacht.
  • Vandalismus ist zwar vorwiegend ein großstädtisches Problem, er kommt aber auch auf dem Land vor, dort werden z.B. Felder verwüstet.
Vandalismus beschränkt sich nicht nur auf die Beschädigung und Zerstörung von Sachen:
  • In Schulen werden z.B. Lehrer von Schülern angegriffen, ohne dass man sich den Angriff auf den ersten Blick zu erklären vermag.
  • Vandalistische Handlungen begehen z.B. auch die "Schreckanrufer" ("Stalker"), die Frauen mit sexuellen Zumutungen beleidigen.

Motive der Täter

Ebenso vielfältig wie die Erscheinungsformen des Vandalismus sind die Motive der Täter:
  • Fahrzeuge werden demoliert, weil man Einzelteile stehlen möchte.
  • Autos werden aus Sozialneid beschädigt.
  • Strafgefangene zerstören ihre Zellen, weil sie auf die Zustände in ihrer Strafanstalt aufmerksam machen wollen.
  • Politische Parolen und Slogans werden an Wände geschmiert, weil man meint, dass die eigene ideologische Richtung in der Öffentlichkeit nicht ausreichend beachtet wird.
  • Kunstwerke werde zerstört, weil der Täter die Kunst und Kultur und ihre gehassten Anhänger verletzen will.
Vandalismus wird in der Gruppe nicht als delinquent angesehen: Es handelt sich bloß um einen "Scherz", die Versicherung der "Vollkaskogesellschaft" bezahlt sowieso alles. Viele Jugendliche flüchten sich zur Bewältigung ihrer sozialen Probleme oft in wenig akzeptable Alternativen, wie z.B. Alkohol, Drogen, Spielsalons, Eisenbahn-Surfen. Schließlich muss auch die Freisetzung von Aggressionen, wie z.B. Fußballvandalismus, als Mittel zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse betrachtet werden.
In einer monotonen Arbeitswelt vieler Menschen macht Vandalismus "Spaß", es bedeutet Abenteuer, bringt Nervenkitzel und es bereitet Vergnügen, etwas zu zerstören. Das Geräusch zerbrechenden Glases oder der Geruch und der Anblick brennender Flammen können Entzücken hervorrufen. Der "Spaß" wird dadurch ausgelöst, dass das angegriffene Objekt "schnell und radikal" umgeformt wird. Zerstörte oder durch Graffiti beschädigte Gebäude können angeblich Kunstwerke darstellen. Das darf aber nicht dazu führen, Vandalismus zu rechtfertigen. Wenn jemand an Zerstörung Freude empfindet, sollte die Gesellschaft bemüht sein, dass er das so schnell wie möglich verlernt, bevor die "Trittbrettfahrermentalität" greift. Es kann zudem nicht angehen, dass Zivilcourage zur Farce und Hinfälligkeit verkommt, wenn es um ein Aktivsein gegen Vandalismus geht.

Praxishinweise

Sozialstrukturen und Verhaltensmaßstäbe können nur durch langfristige Lernprozesse verändert werden, an denen sich die gesamte Gesellschaft beteiligen muss. Massenmedien wie das Fernsehen sind ein soziales Mittel der Beeinflussung.
Hinzukommen muss der schnelle Weg der Bestrafung ad hoc - auf dem Fuße - in dem die Kommunen, die Polizei, die Bevölkerung und private Sicherheitsdienstleister eingebunden sind in einem gemeinsamen Maßnahmenkatalog zur Prävention und Repression.

Autor: Robert F.J. Harnischmacher

Anlass: Vandalismus

Veränderungen in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen führen auch zur Frustration vieler Gruppen. Vandalismus, vorwiegend sinnloses Beschädigen und Zerstören von Sachen, wird nicht ausschließlich von jungen Menschen verübt. Niedrige Anzeige- und Aufklärungsquoten bei oft großen Sachschäden sind bezeichnend für das anonyme Delikt. Sozialstrukturen und Verhaltensmaßstäbe können nur durch langfristige Lernprozesse verändert werden, an denen sich die gesamte Gesellschaft beteiligen muss.

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Graffiti, Hooligan, Vandalismus


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